Gästebuch

Wir würden uns sehr darüber freuen, wenn du für Lasse und uns etwas in unser Gästebuch schreibst. Vielleicht Dinge, die du mit Lasse erlebt hast. Vielleicht Dinge, die du noch mit ihm unternehmen wolltest. Vielleicht Dinge, die du ihm (im Himmel) oder uns wünschst. Gerne kannst du uns auch Bilder/Fotos von dir und Lasse mailen .

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Mama 💙 schrieb am 6. Mai 2020
Hej mein Großer! Ich hoffe, es geht dir gut. Ich kann nicht schlafen, also schreibe ich jetzt einfach... Filippa ist seit Sonntag nicht so gut drauf. Sie sagt nichts, aber ich merke es ihr natürlich an. Du kennst sie ja. Ihr ist eingefallen, dass sie in diesen Tagen vor einem Jahr auf Klassenfahrt war. Eigentlich ja eine schöne Erinnerung. Bei ihr ja leider, jedes Mal mit einem Todesfall verbunden. Es war ihre zweite Klassenfahrt im Leben, und zum zweiten Mal war ein Opa gestorben, als sie wiederkam. Sie vermisst die Opas schon sehr. Von dir mal ganz abgesehen. Ich denke, das und der anstehende erste Todestag vom Opa Alfred schwirrt ihr im Kopf herum. Oft kann ich gar nicht glauben, was diese kleine Kinderseele schon erleben musste. Und wie unglaublich selbstverständlich es für viele ist, dass Filippa so gut "funktioniert". Ich denke auch ständig an diese Tage vor einem Jahr. Seitdem im Grunde permanent. Unweigerlich mit Opa Alfreds Tod ist ja auch der ganze Sch... mit der Anschüttung "unter´m Haus" verbunden. Genau in den Tagen, als der Opa im Sterben lag, begannen hier die "Bauarbeiten". Perfektrs Timing. Deshalb hatten wir es verpasst, uns ausführlich um die "Baustelle" "zu kümmern". Wir wollten doch eigentlcih nur endlich deine im Herbst 2016 ursprünglich angedachte "Fußballwiese" fertig machen. Auch um uns evtl. mal eine Art Rückzugsort zu schaffen, weil wir, so wie es ist, diese Möglichkeit draußen bisher noch nicht hatten. Egal, auf jeden Fall fanden wir es wichtiger, uns vom Opa Alfred zu verabschieden und der Papa fand es natürlich auch wichtiger, in den letzten Tagen bei seinem Papa zu sein, als die Baustelle zu beaufsichtigen. Hätte er ja auch zeitlich gar nicht geschafft. Er ist ja nach der Arbeit immer direkt zu ihm gefahren und ist dann erst spät nach Hause gekommen. Mir wird schlecht, wenn ich an diese Tage denke... Ich wusste, Filippa wird wieder von Klassenfahrt kommen und wieder, müssen wir ihr erzählen, dass wieder jemand gestorben ist. Wieder, wieder, wieder. Sie hat es dem Papa natürlich beim Abholen sofort angesehen; er musste erst gar nichts sagen. Sie kam dann zu hause an und geriet, wie auch schon beim Opa Dieter direkt in den traurigen Beerdigngsvorbereitungs-Wahnsinn. Aber immerhin kannte sie sich ja mittlerweile schon gut aus. Es war ungefähr so: "Erzähl mal, wie war die Klassenfahrt? Aber danach musst du dir erstmal noch schnell überlegen, welchen Blumenkranz du für den Opa gerne möchtest und was du auf das Band geschrieben haben möchtest, weil die Floristin muss das dann fertig machen..." Fürchterlich, oder? Ganz zu schweigen, von dem, was da alles im Zusammenhang mit deinem Tod wieder hochkam. Und Opa Dieter´s. Und dann wieder eine Beerdigung, wieder ein lieber Mensch da oben in "unserer Ecke". (Ich stehe schonmal an deinem Grab, die Gräber der Opas um mich herum und denke einfach nur "es kann nicht wahr sein".) Dann in den Tagen der Spagat zwischen "gut drauf sein" für Jussi mit seinem ganz normalen Kleinkind-Alltag, sich um die psychisch angeknachste Filippa kümmern, die nächste Beerdigung usw, usw. Naja, aber im Grunde ist das ja alles nicht so wild und wir hätten uns mal besser, um wirklich wichtige Dinge kümmern sollen. Dann hätten wir zur Krönung des ganzen nämlich nicht auch noch einen Besuch vom Ordungsamt bekommen. Irgendwie hatte ich ja die ganze Zeit damals schon ein ungutes Gefühl mit der Baustelle und daraufhin die Arbeiter sofort auf gewisse Dinge hingewiesen. Aber dummerweise hatte ich gedacht, die kennen sich ja aus und wissen, wo man was hinbauen darf und wo nicht, weil das ja deren Beruf ist. War dann leider nicht so. Ja, und so ist dieses Vorhaben ja gründlich in die Hose gegangen. DAS hat mir komplett den Rest gegeben. Zumindest mir. Ich glaube, der Papa sieht das anders bzw.. es ist im egal. Glaub mir, es ist seitdem kaum eine Nacht vergangen, in der ich nicht irgendetwas davon geträumt habe! Von dir träume ich leider nie. Viele Betroffene sagen, dass sie regelmäßig von ihren verstorbenen Kindern träumen. Das ist mir leider noch nie passiert. Kein Wunder, bei dem ganzen Mist. Ich habe auch keine Albträume von deinem Tod. Nein, das verfolgt mich dann eher tagsüber. Also tagsüber das und nachts dann der andere Mist. Ich lese seit einiger Zeit die "Gedanken zum Tag" vom Pastoralverbund Olpe. Von den Gedanken zum Tag vom Martin Neuhaus zu Karsamstag hat sich mir der Satz "Aushalten müssen, was Wirklichkeit ist" eingebrannt. Es trifft den Nagel auf den Kopf. Jeden Tag auf´s Neue. Aber zum Glück bin ich oder sind wir Meister im Aushalten, Verdrängen und sich-nicht-so-anstellen bzw. gute Miene zu bösem Spiel machen 💪. Zum Glück für Filippa und Jussi. Ohne die wär es mir ja noch egal. Aber was Filippa und Jussi angeht muss ich das ja auch bzw. versuche es jeden Tag bestmöglich, auch wenn es nicht immer gelingt. Ich gebe mir ja wirklich Mühe, jeden Tag gut zu funktionieren, aber immer gelingt es mir auch nicht. Im Radio kommt aktuell immer ein Lied, da singt einer: "an guten Tagen, ist unser Lachen echt..." und ich denke: "An meinen guten Tagen, willst du aber immer noch nicht mit mir tauschen!". An guten Tagen würde ich z.B. gerne mal anfangen können, deinen Tod zu verarbeiten. Ohne, dass mich permanent irgendetwas negatives davon abhält. Oder irgendjemand. Aber Manchmal denke ich wirklich, dass gewisse Leute sogar Recht haben könnten, und dein Tod wirklich halb so wild ist und ich mich nicht so anstellen soll. Erst recht, wo es doch jetzt über drei Jahre her ist. Vielleicht ist es ja so. Mir wurde ja schon neun Monate nach deinem Tod von jemanden vorgehalten, (jetzt schnall dich an!) ich würd ja immer nur - wortwörtlich - "eine Fresse ziehen". Du kannst dir nicht vorstellen, was das in mir ausgelöst hat und wie mich das verletzt hat. Zumal es dir gegenüber, auch wenn du tot bist oder gerade weil du tot bist einfach eine Unverschämtheit ist, so etwas zu sagen. Eine Entschuldigung ist bis heute nicht gekommen. Aber ich glaube ich stelle mich wirklich an. Im Alltag wird mir ja verdeutlicht, was wirklich wichtig ist. Im nächsten Augenblick denke ich dann wieder: "Nachdem, was wir alles durch haben, kann ich ja durchaus auch mal schlecht drauf sein, oder?". Bei anderen hätte ja schon alleine Jussi's Geschichte für ein Mini-Trauma gereicht. Da kann ich nur lachen. Jussi's Frühgeburt, die Ängste, Sorgen und alles was damit sonst noch zusammenhing, mussten wir quasi nebenher "wuppen" (von der Katastrophen-Schwangerschaft mal ganz abgesehen). Ich weiß noch, wie ich morgens nach Siegen in die Kinderklinik gefahren bin, sobald Filippa in der Schule war und ich zumindest mal eben noch eine Maschine Wäsche angestellt hatte. Mit Jussi's Milch in der Kühlbox, die ich nachts schon alle paar Stunden abgepumpt hatte. Dann bis abends bei Jussi in Siegen. Auf dem Nachhauseweg noch eben zu dir auf den Friedhof und dann wieder nach Hause um mich noch ein bisschen um Filippa zu kümmern und weiter alle paar Stunden abzupumpen. Dabei nachts die Angst davor, dass ein Anruf aus Siegen kommt.... In den Tagen damals hatten wir übrigens eine schlimme Grippewelle! Ich dachte nur: "jetzt bitte nicht so weit geschafft und dann stirbt der kleine an einer Grippe". Ich weiß heute nicht mehr, wie ich das geschafft habe. Wahrscheinlich nur, weil der Mensch gut in der Lage ist, einfach nur zu funktionieren, wenn es drauf ankommt. War ja da auch schon nicht zum ersten Mal so. Trotzdem frage ich mich jetzt noch oft, wie ich das gemacht habe. Oder wie oft lag ich dann in dem heißen Sommer 2018 abends mit Mini-Jussi im Bett; alle zwei Stunden gestillt. Dabei oder dazwischen geweint und gebetet, dass bei ihm alles gut wird und er nicht jung sterben muss. Ich habe mich nicht getraut einzuschlafen, weil ich Angst hatte, dass er nicht mehr atmet. Ich lag mit Herzrasen wach (gut, da bahnte sich wohl schon der Basedow an) und dachte immer nur, es kann alles einfach nicht sein. Es kann einfach nicht sein. In welchen Film bin ich geraten? Dazu das schlechte Gewissen, weil ich für Jussi vermutlich nie so eine gute Mutter sein werde, wie für Filippa und dich, bevor du starbst. Wobei, dass du gestorben bist, zeigt ja im Grunde, dass ich das wohl eher nicht war. Und bei Jussi konnte ich weder die Schwangerschaft, noch die Geburt, noch die Taufe usw. so genießen wie bei Filippa und dir. Aber das wussten wir ja vorher. Aber, wir hätten es mehr genießen können, wenn es nicht so ein paar bescheuerte Menschen gäbe. Ja, mit solchen Gedanken, oft vermischt mit dem Warum, Wieso, Weshalb und immer wieder der Szene im Kopf, wie ich dich morgens tot fand, lag ich da jeden Abend/Nacht bei gefühlen 48 Grad und draußen war alles wie immer. Normalität. Jeden, aber auch wirklich j-e-d-e-n Abend gab es die üblichen Zusammenkünfte auf der einen Seite meines Schlafzimmers (Fenster musste ich ja aufmachen, damit klein Jussi bei der Hitze wenigstens noch Luft bekam) und auf der anderen Seite meines Schlafzimmers bzw. direkt davor, bis sehr spät abends die Trampeltrecker und -Fahrzeuge. Und die sind echt laut. (so viel auch zum Thema Nachtruhe). Wenn ich dann endlich mal für einen kurzen Moment eingeschlafen war, wurde ich oft durch RICHTIG lautes Niesen von draußen, gefolgt von einem laut-rufenden "Geeeesuuuuuuuuuuuuundheiiiiit" geweckt. Da stand ich dann wieder senkrecht im Bett. Aber, auch da konnte ich mir nur sagen: "Du stellst dich nur an! Bleib ruhig. Stell dich nicht so an!" Oder wie der Papa immer sagt: "Bringt doch eh nix." Ist ja auch alles normal hier. Apropos normal. Viele sehnen sich nach nur ein paar Wochen Corona Pandemie wieder nach Normalität. Ich sehne mich seit über drei Jahren nach Normalität. Normales Leben, ohne Trauer, ohne Schmerzen, ohne permanentes Nachdenken, ohne Schuldgefühle, ohne schlimme Bilder im Kopf, ohne Konjunktiv, ohne, ohne, ohne... aber mit dir. Mit allen zusammen. Ein Leben, in dem ich eine "normale" Mutter sein kann. Ich spiele jetzt übrigens manchmal Lotto. Wenn ich genug Geld gewinnen würde, würde ich unterm Haus alles sofort wieder so machen lassen, wie es war. Kannst du dich daran erinnern, als ich mich mit Filippa und dir einmal am Mittagstisch über´s Lottospielen unterhalten habe? Im Radio kam Werbung für irgendeinen Mega-Jackpot. Und ich sagte so: "Ihr könnt mir ja mal jeder eure Lieblingszahlen sagen und dann spielen wir mal Lotto". Dann haben wir rumgesponnen und überlegt, was man mit dem Lottogewinn so alles machen könnte und uns ist im Grunde nicht wirklich viel eingefallen. Ich habe euch erklärt, dass so viel Geld sowieso nicht glücklicher mache; eher im Gegenteil. Wir haben uns dann geeinigt, dass ich nicht spiele. So nach dem Motto, dann haben wir auf einmal einen Lottogewinn und dafür wird jemand von uns schwer krank oder sowas. Ihr wolltet dann, dass ich AUF KEINEN FALL Lotto spiele. Nur ein paar Wochen später warst du tot. Fazit, wenn ich also eh am A... bin, dann kann ich doch auch Lotto spielen oder, ha-ha? Ich möchte ja auch nur so viel gewinnen, dass es für den "Anschüttungsrückbau" reicht. Jetzt bin ich aber von Hölzchen auf Stöckchen gekommen und es ist etwas lang geworden; das tut mir Leid. Aber es ist ja auch Nacht und nachts sind viele Dinge ja auch schlimmer, als tagsüber. Ich will auch keinen mehr nerven mit diesen ganzen Themen, also schreibe ich es mir hier von der Seele. Es ist ja auch nur meine Sicht, Papa's ist da auch wieder anders oder "gechillter". Es gibt halt auch sonst nicht viel, was ich dir erzählen könnte, was mal nicht so negativ ist bzw. nicht irgendwie überschattet ist. Klar, über Jussi auf jeden Fall, aber ich stelle mir vor, dass du den in irgendeiner Form sowieso "erlebst". Das muss so sein, weil manche Dinge musst du ihm zugeflüstert haben. Von alleine kommt der auf sowas nicht 🙂. Ich vermisse dich und deine positive Art und das Leben mit dir so unendlich! Mama 💙 Kannst du Filippa ein paar Sonnenstrahlen schicken?
Bitte warten …